Parteien zur Wahl anno dazumal

18. Juni 2009, 18:57 Uhr

Kategorie: Politik, Voting

Autor:
König Kaspar I.

Niederes Volk!

Von einem meiner Untertanen wurde mir dieser Tage ein uraltes VHS-Band zugespielt, das etwa 30 Wahlwerbespots aus den Jahren 1987 und 1989 enthielt. Als guter Monarchiefreund hatte der Mann sich die Mühe gemacht, diese Schätzchen aufzuzeichnen und für die Nachwelt zu erhalten:

Beginnen wir unsere kleine Tour mit der Dame von den Mündigen Bürgern. Vieles an diesem Spot wirkt unmittelbar sehr einnehmend: der freundliche Blumenstrauß, das einfallsreich gestaltete Wahlplakat und vor allem das ungezwungene Lächeln der Kandidatin. Das kann jeder mit ein wenig Sekundenkleber im Mundwinkel leicht nachmachen. Wahlerfolg: 24.630 Stimmen oder 0,1 Prozent (Bundestagswahl 1987).

Dieser lockere Herr von der Gruppe ASD ist wenigstens konsequent: Er versucht gar nicht erst (wie viele andere), freies Sprechen zu simulieren und dabei ständig an der Kamera vorbeizuschielen, um irgendwelche Schrifttafeln abzulesen. Das dezent platzierte Telefon macht deutlich: Der Mann ist so beschäftigt und begehrt, dass er selbst bei der Aufzeichnung des Spots jederzeit angerufen werden könnte. ASD steht übrigens für Alle Sozialversicherten und Rentner Deutschlands, und alle bedeutet in diesem Fall: 1.834 Stimmen oder 0,0 Prozent (Bundestagswahl 1987).

Angesichts des Parteinamens BSA sparen wir uns jetzt billige Witze der Sorte Vorläufer von BSE und so weiter. Der Bund Sozialistischer Arbeiter (das sind irgendwelche versprengten Trotzki-Anhänger) hat auch so genug zu bieten. Die Bildaufteilung ist brillant: den Redner in die untere Hälfte gequetscht, oben links ein riesiges Loch, rechts nimmt eine simple Parole etwa ein Viertel des Bildes ein. Wahlerfolg: 7.788 Stimmen oder 0,0 Prozent (Europawahl 1989).

Dieser Herr von der Bürgerinitiative Ausländerstopp macht sich für die DVU stark. Wahrscheinlich ist er es leid, dass er auf der Straße ständig für einen Iraner gehalten wird. Wahlerfolg: 444.921 Stimmen oder 1,6 Prozent (Europawahl 1989).

Diese beiden jungen dynamischen Nachwuchspolitiker engagieren sich für die Humanistische Partei, die den Einzug der Jugend in die Parlamente fordert, dazu aber auch nicht mehr zu bieten hat als die üblichen Anti-AKW-Sprüche. Irgendwie wirkt der ganze Spot genauso jugendlich-fröhlich wie die extrem knallige Hintergrundfarbe. Der Wähler wusste es entsprechend zu würdigen: 10.885 Stimmen oder 0,0 Prozent (Europawahl 1989). Das ist nun wirklich nicht schlecht, denn damit lag man noch knapp vor dieser Gruppierung:

Die junge Dame mit dem für linke Studentinnen typischen Gesichtsausdruck legt sich - nicht gerade überraschend - für die MLPD ins Zeug, also die Marxistisch-Leninistische Partei. In verbiestertem Ton entrüstet sie sich über die Riesensauereien der Großindustrie. Rein ästhetisch gefallen uns das unscharfe Bild und der dezent eingeblendete Name am besten. Wahlerfolg: 10.134 Stimmen oder 0,0 Prozent.

Auch am rechten Rand des Politspektrums weiß man die Jugend an sich zu binden, wie deser Spot der NPD nachdrücklich beweist. Der Parteivorsitzende wird flankiert von einem ausgesprochen adretten Paar, das durch natürliche Ausstrahlung und ungekünsteltes Lächeln bezaubert. Wahlerfolg: 227.054 Stimmen oder 0,6 Prozent (Bundestagswahl 1987).

Gar nicht gestellt wirken die Interviews in diesem Spot von Neues Bewußtsein, wo man für eine ganzheitlich-esoterische Politik eintritt. Dementsprechend gibt die befragte Dame einen geradezu unglaublichen Käse von sich:

Ich habe erkannt, dass der Mensch eigentlich spiritueller Natur ist, und er hat die Aufgabe, als ein Teil des Göttlichen im Laufe seiner Inkarnationen, das heißt mehrere Erdenleben, sein Bewusstsein zu entwickeln, um eines Tages auf einer höheren Bewusstseinsstufe zum Göttlichen zurückzukehren.

Wahlerfolg: 20.868 Spinner (oder 0,1 Prozent) fanden das bei der Europawahl 1989 geradezu göttlich.

Dieser Herr mit der ungekünstelten Gestik posiert für die Öko-Union vor einem schwarz-rot-goldenen Pfosten mit der Aufschrift Deutsche Demokratische Republik und versucht, mit konservativen Familienwerten und ökologistischer Schwarzseherei gleichermaßen zu punkten. Wahlerfolg: 55.463 Stimmen oder 0,2 Prozent (Europawahl 1989).

Dieses fröhliche Mädel muss sich den ganzen Spiegel mit Lippenstift vollschmieren, weil sie sich sonst nicht merken kann, dass sie das Zentrum wählen soll. Und das findet sie offenkundig auch noch außerordentlich lustig. Nur 41.190 Wähler (oder 0,1 Prozent) hatten denselben Sinn für Humor (Europawahl 1989).

Und nun darf das niedere Volk abstimmen:

Welche Partei kommt hier für Sie am sympathischsten rüber?

Quellen für die Zahlen:
Bundestagswahl 1987
Europawahl 1989

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